Kokette Todessehnsucht: Wie schön wäre Wien ohne Wiener

25 Apr

„Der Tod, das muss a Weana san“, vermutete Georg Kreisler vor 50 Jahren zu fröhlich beschwingter Walzermusik. Die Morbidität der österreichischen Hauptstadt ist leicht auch beim Wiener Dialekt herauszuhören. Die Deutschen bezeichnen das oft als „Schmäh“.

Schmähen ist dann auch die vorherrschende Kunst der Wiener Poeten und Proleten. Wolfgang Ambros gratulierte in seinem Geburtstagsständchen „Es lebe der Zentralfriedhof“ der endgültig letzten Station aller Wiener Todessehnsucht. Helmut Qualtinger quälte sich nur mit dem Gedanken „Wann i amal stirb“.

Quietschlebendig sind diese Wiener eher nicht. Ihre Sprache plätschert gemächlich dahin wie die Donau auf ihrem Weg ins Schwarze Meer und ihre Pointen auf dem Weg ins Schwarze.

Wahrscheinlich ist Wien die gemütlichste Großstadt Europas. Das Rokkoko-Viertel und die Hofburg direkt am Ring wirken kein bisschen anachronistisch. Selbst die Pferdedroschken passen hierhin, wenngleich sie in Wien hufeklappernd unter dem Namen „Fiaker“ daherkommen.

Die Wiener haben ihre Lippizaner, das Burgtheater und ihr Neujahrskonzert. Die Wiener haben Kultur, Kaffeehäuser und Zeit. In einem dieser altmodisch möblierten Wartesäle saß schon vor fast 100 Jahren „der Bronski vom Café Zentral“, der später unter dem Namen „Lenin“ im fernen Russland Geschichte geschrieben hat.

Die Wiener sind gebildet und eingebildet. Sie lieben Titel und bestehen darauf. Der Fahrlehrer legt Wert darauf, als „Herr Inschenär“ angesprochen zu werden.

Bei der Verabschiedung einer Dame kommt einem charmanten Wiener durchaus einmal ein „Küss die Haand, gnä Frau“ über die Lippen. Wien ist eine Millionenstadt mit höflicher Lebensart. „Gscheit saans, diese Weana“.

Vieles trägt in diesem Dialekt einen anderen Namen als anderswo im deutschsprachigen Raum. Wer die richtigen Bezeichnungen nicht weiß, outet sich damit schnell als „Piefke“. So nennen die Wiener die – ihrer Ansicht nach piefigen – Deutschen.

Quark heißt hier „Topfen“. Johannisbeeren sind „Riebieseln“. Auf den Topfenstrudel gibt man nicht ein kleines Sahnehäubchen, sondern „Schlagobers“.

Einen Milchkaffee nennen die Wiener „großer Brauner“. Nur gehässige geschichtsbewusste Deutsche denken dabei an den Führer aus Braunau und seinen umjubelten Massenaufmarsch 1938 auf dem Heldenplatz.

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