KC6 für Frieden und Wahrheit: Hackerangriff führt zu Nobelpreisen

10 Jan

„Kein anderer Mensch hat so wie Sie die Welt verändert und damit dem Frieden und der Wahrheit Geltung verschafft“, sagte der Sekretär des Nobelpreiskommitees zu Tom. „Deshalb sind Sie der erste Mensch, der in einem Jahr gleich zwei Nobelpreise erhält.“
Tom blickte auf sein Handgelenk. Wie eine Armbanduhr trug er dort seinen KC6. Ein grünes Licht zeigte ihm an, dass alle im Saal einen KK3 erhalten hatten und er seinen Nobelpreisvortrag beginnen konnte.
„Siw erden mich mit meiner Stimme in Ihrer jeweiligen Muttersprache reden hören“, kündigte Tom an. „Wer mich versteht, möge sich bitte jetzt melden!“ Tom blickte in den Saal. Alle Hände gingen hoch.
Er schaute zu Snyders und Snowden, die nebeneinander in der ersten Reihe saßen. Dann blickte er zum schwedischen König hinüber, der – ebnso wie alle anderen – einen KK3 am Handgelenk trug.
„Der Vorfall bei meiner Antrittsvorlesung in Marburg hat gezeigt, dass auch andere die gleiche Technologie entwickeln können, die ich entwickelt habe“, begann Tom. „Mit dem KC5 habe ich den technologischen Vorsprung aber so weit ausbauen können, dass ich sicher sein kann, dass es auf der Erde kein ähnliches System mehr geben kann und wird. Er zögerte, bevor er wiederholte: „Auf der Erde!“
Snowden zwinkerte ihm zu. Er und Snyders waren die einzigen, die wussten, worauf Tom anspielte. Dank des KC6 hatte er Kontakt zu Außerirdischen geknüpft, die über ähnliche Technologien verfügten und un mit ihm kommunizierten.
„Auf der Erde herrscht nun Frieden“, stellte Tom fest. „Dafür erhalte ich in Oslo den Friedensnobelpreis. Krieg, Hunger und Terror sind endgültig beseitigt dank der Technologie, für die ich hier in Stockholm den Nobelpreis für Physik erhalte.“ Applaus brandete auf. Tom wartete, bevor er weiterredete.
„Die von mir entwickelte Technik erlaubt mir inzwischen auch die Herstellung eines KC7 oder gar eines KC8, aber das Gerät, das ich am Handgelenk trage, ist immer noch der KC6, merkte Tom an. „War ich zu Beginn meiner Entwicklungsarbeit gezwungen, beinahe wöchentlich eine neue Gerätegeneration zu entwickeln, um mich vor der Konkurrenz parallel verlaufender Entwicklungen zu schützen, so muss ich meine Entwicklung nun vor sich selbst schützen.“
Einige im Saal sahen Tom irritiert an. „Die selbst lernenden Algorithmen beginnen, ein Eigenleben zu führen“, erklärte er. „Die Menschheitsbeglückung droht zur Bevormundung der Menschheit zu werden.“
Tom hob seine Hand hoch, sodass alle den KC6 an seinem Handgelenk sehen konnten. „Drei derartige Geräte steuern alle Vorgänge weltweit“, erklärte er. „Ein KC6 ist das Internet, der zweite das abgeschottete geschützte Sicherheitsnetz und der dritte das Forschungsnetz.“
Er wartete einen Moment, bevor er ergänzte: „Für jedes dieser drei Netze gibt es zwei Backups. Insgesamt existieren 17 Geräte der Reihe KC6, wovon ich eines hier am Handgelenk trage.“
Wieder hob Tom die Hand, bevor er weitersprach: „Derzeit arbeiten wir daran, den KK3 in Großserie herzustellen, sodass alle wichtigen Einrichtungen und Personen weltweit damit ausgestattet werden können. Wir planen eine Serie von 4 Millionen KK3, um alle Prozesse weltweit über diese Geräte zu steuern.“
Ein leises Pfeifen war zu hören. „Jeder KK3 kostet 12.000 Euro“, berichtete Tom. „Sie sehen, wir sind eifrig am Werk.“
Noch einmal schaute Tom Snyders an. Dann sagte er: „Was allerdings bei dieser technischen Entwicklung auf der Strecke bleibt, ist die Menschlichkeit.“
Verwunderte Blicke beäugten den Nobelpreisträger, der da gerade seine eigene Auszeichnung zerpflückte. „Fehler sind menschlich“, erläuterte Tom. „Ich liebe meine Freundin, weil sie auch ihre kleinen Fehler hat, obwohl sie beinahe perfekt ist.“
Snyders lächelte. „Auch ich habe Fehler“, fuhr Tom fort. „Ich habe eine erbliche Hasenscharte und einen Klumpfuß.“
Erstaunt betrachteten die Gäste den Preisträger. „Sie sehen meine Fehler nicht, weil ich sie gut kaschieren kann“, erklärte Tom. „Aber ich habe diese Fehler; und das ist gut so.“
Er hielt kurz inne, bevor er weiterredete: „Wahrscheinlich mache ich gerade im Moment auch einen Fehler, indem ich das Lob des Fehlers ausbringe; aber das musste mal gesagt werden, damit Sie verstehen, warum mir meine eigene Erfindung Sorgen bereitet. Meine Erfindung vernichtet alle Fehler und schafft eine perfekte Welt, die allerdings in Wirklichkeit nicht perfekt ist, sondern zum Horror werden kann.“
Nachdenkliche Gesichter verrieten Tom, das sein Vortrag auf fruchtbaren Boden fiel. „Meine Algorithmenwollen alle Fehler bereinigen; ich hingegen möchte gern die kleinen Fehler bewahren, die das Mensch-Sein erst reizvoll machen und damit zu dem, warum wir alle leben und lieben, lachen und weinen, wachsen und am Ende auch sterben.“
Eine kleine Träne trat in Snyders Auge. „Wenn ich heute die beiden Nobelpreise annehme, dann tue ich das in der Hoffnung, dass Sie alle mit mir für eine lebenswerte Welt eintreten, zu der Fehler dazugehören wie das Salz zur Suppe, der Tau zum Morgen und der Schnee zum Winter“, sagte Tom. Ein langanhaltender Applaus brandete auf.
„Bitte helfen Sie mir, die Geister zu besiegen, die ich selbst als Zauberlehrling gerufen habe und derer ich nicht mehr Herr zu werden drohe!“ Tom sah ein rotes Licht blinken an seinem Handgelenk. „Bekämpfen Sie bitte mit mir die Perfektion der Technik des neoliberalen Leistungswahns und der selbst lernenden algorithmen, denen menschliche Regungen fremd sind wie uns der Teufel, die Außerirdischen oder Gott.“

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