Vernichtende Wirkung: Ein Bayer genehmigt sich Glyphosat

28 Nov

Das war doch echt ein Kabinettstückchen gestern: Mit meiner Entscheidung werde ich wohl weit über die fünf Jahre hinaus wirken, die ich dem Pflanzengift Glyphosat genehmigt habe. Die Saat geht auf und ich bin buchstäblich in aller Munde.
So macht Macht Spaß: Meine grüne Kollegin von der SPD sitzt fernab in Berlin und ich entscheide schnell mal über ihren Kopf hinweg. Dank meines Votums gegen die Geschäftsordnung der Bundesregierung können Monsanto, Bayer und Co. weitere fünf Jahre lang satte Gewinne einstreichen.
Dass die SPD nun von „Vertrauensbruch“ spricht, kümmert mich nicht. Die Große Koalition in Berlin ist ohne die CSU nicht zu haben. Außerdem weiß ich das Gros der bayerischen Bauern brav hinter mir.
Selbst wenn die SPD eine Koalition nur einginge, wenn ich rausginge, wäre das kein Beinbruch. So, wie ich mich gestern für die Chemieindustrie ins Zeug gelegt und ihr für fünf Jahre Milliardengewinne gesichert habe, werden Bayer und Monsanto mich garantiert nicht vergessen.
Die Konzerne brauchen ja auch gerade jetzt jemanden, der die Zustimmung zu ihrer Fusion bei der EU-Kommission durchboxt. Mit meinem gestrigen Coup habe ich gezeigt, dass die Stimmung für die Agrarchemie stimmt, wenn ich bei der Abstimmung dabei bin.
Diese alarmistischen Grünen und Umweltschützer behaupten ja, Glyphosat sei „möglicherweise krebserregend“. Das hat eine Studie tatsächlich nachgewisen. Aber die Hersteller von Glyphosat haben halt schnell andere Studien in Auftrag gegeben, die zu gegenteiligen Ergebnissen kamen.
Nur eine Analyse der Ökos hat Glyphosat in allen untersuchten Proben der Muttermilch nachgewiesen. Die rechten Studien der von Umweltschützern unabhängigen Experten fanden das nicht.
In menschlichem Urin waren 44 Prozent der Proben mit Glyphosat belastet. Im Bier waren es über 90 Prozent. Aber immer gibt es auch andere Studien, die solche alarmistischen Befunde gleich wieder zurechtrücken.
Außerdem waren die Werte überall überaus gering. Sie lagen weit unerhalb dessen, was als problematisch anzusehen ist. Solche Werte orientieren sich schließlich immer daran, dass die die Börsenwerte nicht beeinträchtigen.
Notfalls schreiben Kontrollbehörden bei ihren Expertisen gleich bei Monsanto ab. Wegen „Copy&Paste“ in seiner Doktorarbeit musste mein früherer Minister Carl Theodor zu Guttenberg zwar zurücktreten, aber Behörden sind vor solchen Konsequenzen geschützt. Schließlich sitzen auch Leute von Bayer in meinem Ministerium.
Außerdem kommt Carl-Theodor bald wieder. Als amtierender Doppelminister für Landwirtschaft und Verkehr kann ich ihm notfalls ja einen Posten in der Bundesregierung freimachen.
Ich jedenfalls habe jetzt das Ziel meiner jahrelangen Parteiarbeit erreicht: Ich habe Macht und genieße sie. Dabei ist mir ganz egal, ob das Grundwasser oder das Bier bald ungenießbar sind.
Ungefähr 39 Prozent aller Ackerflächen in Deutschland werden mit Glyphosat gespritzt. Round about tausend Jahre wird Roundup noch nachwirken. Zwar ist der Hauptbestandteil Glyphosat schon nach einem Monat weg, aber die vernichtende Wirkung bleibt.
Umweltministerin Barbara Hendricks meinte, das hätte ich alles hinter ihrem Rücken ausgeheckt. Das stimmt aber nicht, denn sie war ja in Berlin, als ich in Brüssel abgestimmt habe.
Außerdem bin ich gar nicht dafür verantwortlich, dass es sich bei der Landwirtschaft ausgeheckt hat. Der Verlust der Hecken hat lange vor meiner aktiven Zeit in der Politik mit der Flurbereinigung begonnen. Monsanto hat erst seit 1974 mit Glyphosat nachgeholfen, diese Unkräuter zu vernichten.
Dass damit auch 80 Prozent der Insekten weg sind, ist doch Klasse. Erinnert Ihr Euch noch, wie oft man früher bei Fahrten über die Landstraße die Windschutzscheibe abwischen mussten, weil so viele Insekten dagegengeflogen waren? Als amtierender Verkehrsminister weiß ich das sehr wohl zu würdigen.
Hinnehmen müssen wir dann wohl auch, dass damit auch ein Drittel der Vögel verschwunden ist. Aber Singvögel braucht doch keiner, wo wir heutzutage diese wunderbaren Smartphones mit Online-Zugriff auf Millionen von Musikdateien bei Streaming-Diensten haben.
Die Welt ändert sich halt. Ich durfte gestern meinen kleinen Beitrag dazu leisten. Was ich mit einem einzigen „Ja“ bewegt habe, werden noch unsere Kinder und Kindeskinder – sofern es noch so viele Generationen geben wird auf dieser Erde – am eigenen Leib erfahren.
Monsanto hat ja auch schon Saatgut mit Glyphosat-Resistenzen. Leider gibt es das in Deutschland noch nicht. Dort, wo es eingesetzt wird, erhöht sich der Einsatz von Glyphosat um bis zu 500 Prozent.
Wenn die Forschung so weitermacht, gibt es bald auch Menschen mit solchen Resistenzen. Dann können die Bauern noch hemmungsloser spritzen, was die Industrie hergibt.
Ein schöner Nebeneffekt dieser Entwicklung ist auch, dass solches Saatgut nur bei der Industrie zu kaufen ist. Der Landwirt kann dann seinen selbstfahrenden Trecker starten und muss nicht mehr runter vom Hof und hinaus aufs Feld, um selber Saatgut nachzuziehen. Drohnen verraten ihm, was auf seinem Acker angesagt ist.
Mein Standpunkt ist halt der Vorrang für die Standortpolitik und die Industrieförderung. Industrieförderung ist natürlich ganz was Anderes als Bestechung. Mich muss keiner bestechen, damit ich als Bayer für Bayer und als Christ für Monsanto stimme.
Wenn Ihr übrigens nicht wisst, wie ich heiße, könnt Ihr es leicht erraten. Mein Vorname ist Christian, weil ich ein bekennender Christ bin. Mein Nachname ist sehr häufig, wenngleich auch nicht so verbreitet wie Glyphosat.
Als praktizierender Christ bin ich voller Gottvertrauen und Glauben an das Höhere. Nicht ohne Grund hat Louis Begley einen Roman nach mir benannt.
„About Schmidt“ ist nun nicht mehr viel zu sagen. So ist er halt, der Schmidt: Ich entscheide nur nach Sachstand. Die Industrie sagt, was Sache ist. Nach diesem Stand entscheide ich dann.

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