Satire wirkt irre: Schreiben oder schreien?

14 Sep

Wozu schreibt meinereiner eigentlich noch Satire? Die Realität ist doch so maßlos irre, dass Satire besser über die Ereignisse berichten als ihr Unwohlsein damit beichten sollte!
Doch an diesem kleinen Buchstaben „r“, der „berichten“ von „beichten“ unterscheidet, merkt man, wie wichtig die Feinheiten sind. „Hetzjagden“ und „Herzattacken“ spielen in Chemnitz und Köthen eine ebenso wichtige Rolle wie der immer geringer werdende Unterschied zwischen den Abkürzungen „AfD“ und „BfV“. Das kleine „f“ steht dabei wahlweise für „frech“ und „frei“ oder „faschistisch“.
Das kleine „r“ könnte man groß aufblähen zu „Realitätssinn“ oder „Regal“, womit jene Verhaltensweise beschrieben werden kann, die das Brett vor dem eigenen Kopf zum Maß der vermeintlichen Wahrheit macht. Egal, was passiert; alles wird braun angetüncht.
Waren „Donaldisten“ früher Fans einer Comic-Figur, so sind sie heute Anhänger eines Fakenews-Präsidenten. Wenn Humoristen zugleich auch Humanisten sind, dann bleibt ihnen das Lachen im Halse stecken.
„Flüchtling“ sind all jene, die anders aussehen, egal, ob sie irgendwann einmal vor inhumanen Zuständen anderswo in der Welt geflohen sind, oder ob sie in diesen Tagen vor einem rassistischen Mob flüchten. Präsident vom Verfassungsschutz ist jemand, der die Achtung vor der Verfassung durch seine aktive Ermutigung von Rechtspopulisten und Hetzern in eine schlechte Verfassung gebracht hat und der das Wort „Geheimdienst“ so versteht, dass er das Treiben seiner Behörde und ihrer V-Leute geheimhalten muss.
„Wohlstand“ ist heute nicht mehr das Guthaben auf dem Konto, sondern die Frage, wo wer stand, als es in Chemnitz, Dresden, Köthen oder anderswo in Sachsen losging. „Freistaat“ nennen sich jene Bundesländer, die frei von Menschenrechten und dem Grundgesetz eine Wachstumspolitik zugunsten von Polizeistaat und Überwachung betreiben.
Soll und kann jemand nach alledem überhaupt noch Satire schreiben? Ich sah Tiere, die ihr menschliches Antlitz hinter einer grinsenden Grimasse versteckten, während sie andere Menschen wie Tiere durch sächsische Straßen hetzten.
Im Westen nichts Neues? Nein, auch im Westen hat die Hetze zugenommen! Die „Wiedervereinigung“ erfolgte möglicherweise im Geiste derjenigen, die Deutschland beherrschten, bevor ihre Diktatur in ihrem Krieg gegen Menschlichkeit unterging.
Satire ist satt und irre. Die derzeitige Realsatire hingegen ist so abgedreht, dass einem die Worte fehlen. Doch schweigen darf man dabei nicht.
So schreibe ich und schreie ich. Das kleine „b“ bleibt der einzige Unterschied zwischen den leisen Lauten und den lauten Gründen unseres Unbehagens. Gehen wir vom Schreitisch auf die Straße, damit sie nicht alleine denen gehört, deren Schreibtisch – sofern sie überhaupt an einem sitzen – unweigerlich mit der Endung „-täter“ in ein Wort zusammengezogen werden muss!

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: