Die Sonne über dem Rathaus: Ein Loblied und zugleich Klagelied

17 Dez

Bei einem inneren Rundgang durch die Oberstadt ist dieser Text entstanden. Ihm fehlt noch eine Melodie, damit daraus ein Lied auf die schönste Stadt Deutschlands werden kannn.
Der Rathausgockel schlägt mit den Flügeln.
Die Käppis können ihren Bierdurst kaum zügeln.
Die Sonne steht ein kleines Stück weiter oben.
Auf dem Marktplatz ist wieder mal der bär am toben.
Derweil sprudelt der Marktbrunnen unverdrossen.
Wie viele Tränen, Schweiß und Bier sind hier schon geflossen? „Wählt Thälmann!“, steht verblasst an einer Wand
vier Jahre länger schon, als das Land
im Gleichschritt den Weg ins Verderben fand.
Tausende haben auf dieses Pflaster getreten.
Luther lehrte die Hessen hier beten.
Tausende sind durch diese Gassen gegangen,
manche voll Hoffnung und manche mit Bangen,
haben hier Märchen Sammeln angefangen.
Tausende werden noch durch diese Gassen gehen
und die alten Häuser bewundernd ansehen.
Was war und was wird wohl hier alles geschehen?
Die Steine stehen; das Leben geht weiter.
Die Sanduhr am Rathaus dreht sich lautlos um. Sei heiter!
„Geh doch in die Oberstadt“,
die so viele Ober hat,
denen viele froh zuwinken,
die ihr Bier hier eifrig trinken,
bis sie müde ins Bett niedersinken.

Der Trompeter bläst die zwölfte Stunde.
Sturis stehen staunend davor mit offenem Munde.
Die Sonne strahlt hoch oben vom Mittagshimmel.
In den Gassen der Oberstadt herrscht reges Gewimmel.
Blinde befingern vorsichtig das Tastmodell.
Atemlos rasen Sehende von Laden zu Laden und kaufen ein schnell. Der Glaskubus gibt den Blick auf die Grabung frei,
wo einst eine Synagoge gewesen sei.
Die Feuerwehr zündelte unter Jubelgeschrei.
Tausende haben dieses Land schnell verlassen.
Deutschland lehrte sie, es wie sie zu hassen.
Tausende sind in Gaskammern gegangen,
manche gleichmütig, die meisten mit Bangen.
Danach hat das Land noch mal neu angefangen.
Tausende werden noch auf diesen Straßen gehen,
die Hälse recken und nach oben sehen.
Was war und was wird wohl hier alles geschehen?
Die Steine stehen; das Leben geht weiter.
Die Sanduhr am Rathaus dreht sich lautlos um. Sei heiter!
„Geh doch in die Oberstadt“,
die so viele Ober hat,
denen viele froh zuwinken,
die ihr Bier hier eifrig trinken,
bis sie müde ins Bett niedersinken.

Die Justitia hält mit Mühe die Waage.
Gerechtigkeit ist eine offene Frage.
Die Sonne ist gerade untergehen.
Auf dem Marktplatz kann man sie kaum mehr sehen.
Derweil sprudeln die Zahlungen hier unverdrossen.
Wie viele Tränen, Schweiß und Bier sind hier schon geflossen? „Wählt Thälmann!“, steht verblasst an einer Wand
vier Jahre länger schon, als das Land
Faschismus als richtige Endlösung empfand.
Tausende haben hier auf fremde Füße getreten.
Elisabeth lehrte Hessen hier beten.
Tausende sind den Jakobsweg schon gegangen,
manche voll Hoffnung und manche mit Bangen,
haben ein neues Leben hier angefangen.
Tausende werden noch durch diese Gassen gehen
und die alten Zeiten gleichmütig ansehen.
Was war und was wird wohl hier alles geschehen?
Die Steine stehen; das Leben geht weiter.
Der Tod dreht die Sanduhr am Rathaus lautlos um. Sei heiter! „Geh doch in die Oberstadt“,
die so viele Ober hat,
denen viele froh zuwinken,
die ihr Bier hier eifrig trinken,
bis sie müde ins Bett niedersinken.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: