Am Ende des Tages ist die Schere stumpf und der alte Zopf noch dran.

19 Jun


die Schere ist stumpf. Die Schneiderin ist spitz.
Stumpfsinnig zieht sie die Nadel mit dem Faden durch den Stoff. Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Geschichten über Geschichten gibt es in der Geschichte über diese Träume.
Während die Schneiderin träumt, entsteht unter ihren Händen ein Traum von Uniform. Sie näht den Stoff zu dieser schicken Uniform zusammen. In dieser schicken Uniform wird bald ein junger Mann stramm die Hände an die Hosennaht legen.
Dann wird er sein Gewehr anlegen und auf den Feind anlegen. Ihm liegt nichts an diesem Feind. Er ist ihm aber auch nicht Feind.
Kanonenkugeln fliegen hin und her. Maschinengewehre knattern. Panzerkettenklirren. Düsenjets heulen in der Luft. Wer sie entdeckt,geht sofort in Deckung.
Der Schützengraben starrt vor Schmutz. Der Stahlhelm ist der einzige Schutz. Wer sich aufrichtet, dem fahren andere Soldaten in die Parade.
Stolz wird der aufrechte Soldat nach dem Gefecht wieder seine Paradeuniform anlegen. Beim Heimatbesuch betrachtet ihn seine Mutter. Schick sieht er aus in seiner Uniform, denkt sie und träumt vom Frieden. Sie schert ihm das Haar. Sie schert ihm den Bart. Ihr Traum schert ihn nicht.
Die Regierung schickt tausende junger Männer in schicken Uniformen in den Krieg. Stolz zieht auch er wieder ab in den Krieg in seiner schicken Uniform. Krieg das mal in den Kopf!
Die Schneiderin träumt vom Frieden und näht dabei die nächste Uniform. Der Uniformierte träumt sehr verwegen vom Krieg. Die Regierung träumt nur verlegen vom Sieg.
Der Uniformierte ist fast noch ein Kind. Für seine Mutter ist er immer noch ihr Kind.
Lasst ihn in Frieden! Lasst sie in Frieden, die Schneiderinnen und Mütter mit ihren stumpfen Scheren und ihren machtlosen Träumen! Lasst den Krieg, bevor die Uniform blutrot am Boden liegt!

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