Am Ende des Tages ist die alte Sorglosigkeit passee.

24 Jan

Ich betrete die Schleuse. Automatisch schaltet sich die Berieselungsanlage an.
Sofort hüllt mich ein feuchter Nebel in eine wohlrichende Wolke mit einem leichten Alkoholgeruch. Nachdem die Anlage mich über und über mit dem Desinfektionsmittel vollgesprüht hat, schaltet sie auf Infrarotlich um. Wärme zerstört alle Krankheitserreger, die der Alkohol noch nicht erledigt hat.
Danach öffnet sich die Tür zur zweiten Schleusenkammer. Roboterarme greifen nach meinem Helm und setzen ihn mir vorsichtig ab. Dann niehen sie mir auch meinen Schutzanzug sowie meine Schuhe und Handschuhe aus. Nur in Unterwäsche stehe ich da, während mich noch einmal ein Desinfektionsnebel einhüllt und danach das wärmende Infrarotlicht mich schnell trocknet.
„36,1 Grad“ meldet die Computerstimme nach der anschließenden Fiebermessung. „Infektionsgefahr 0,01 Promille“, fährt die synthetische Stimme fort. „Außentemperatur 44,7 Grad Celsius, Innentemperatur 18,2 Grad!“
Erst nach dieser Durchsage öffnet sich die innere Schleusentür. Vornean im Flur hängt mein Bademantel, den ich mir überziehe und zu dem ich noch eine Jogginghose anziehe, die zusammengefaltet auf einer Ablage darunter liegt. Erleichtert betrete ich meine Wohnung.
„Bitte Einkaufsbox entnehmen“, fordert mich die Computerstimme auf. „Verpackung und Inhalt zu 99,98 Prozent keimfrei und sauber!“
Eine Klappe in der Wand öffnet sich selbsttätig. Ich entnehme eine Box aus Leichtmetall und trage sie zum Kühlschrank in der Küche. Die geschlossene Box stelle ich auf dem obersten Glasbrett des Kühlschranks ab und schließe danach wieder die Tür.
Erleichtert lasse ich mich auf einen Stuhl am Küchentisch sinken. Das Röcheln der Kaffeemaschine verrät mir, dass mein Lieblingsgerät bereits fertig ist. Ich trete zur Kaffeemaschine hin und gieße mir eine Tassee Kaffee ein.
Mit der Tasse in der Hand gehe ich ins Wohnzimmer. „Nachrichten“, befehle ich dem Fernsehgerät, das mir daraufhin die aktuelle Nachrichtensendung vorspielt. Die aktuellen Infektionszahlen ermüden mich jedoch und ich schalte das Programm um.
Irritiert sehe ich Frauen im bauchfreien Oberteil und knappem Minirock. So was habe ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gesehen. Das wäre wirklich viel zu gefährlich!
„Badereisen zum Polarkreis“, erklärt eine sonore Männerstimme. „Hier können sie noch herumlaufen wie unsere Eltern vor 20 Jahren!“
Ich betrachte die wohlgewachsenen Körper und sehe nun auch Frauen in knappen Bikinis. Zwei traen sogar einen sehr freizügigen String Tanga.
„Hier gibt´s noch keine größere Virengerahr“, erläutert der Sprecher im Fernsehen. „Dank der dünnen Besiedlung der Landschaft ist die Gefahr einer Übertragung neuer Krankheitserreger von Wildtieren auf den menschen hier noch gering.“
Ich schließe die Augen und lehne mich in meinem Sessel zurück. Wie schön war das damals doch, als wir noch in kurzen Hosen und kurzärmeligen Hemden durch Wälder und Wiesen streifen und unbesorgt nach Gräsern und Kräutern greifen konnten!

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