Am Ende des Tages richt´s hier eindeutig nach Gras.

20 Jun

„Igitt, Gras!“Entsetzt spie der Rasenmäher das grüne Zeug aus. „Immer muss ich Gras fressen!“
Angewidert spuckte er noch mehr zermalmte Halme aus. Dabei zeigte er seine blitzenden Zähne.
„Gras schmeckt doch gut“, wunderte sich die Kuh auf der Weide nebenan. Genüsslich rupfte sie die hohen Halme aus dem Boden. „Gras kann ich wieder und immer wieder kauen“, erklärte sie.
Der Rasenmäher schüttelte sich vor Ekel. Stur blieb er hinter dem Zaun stehen, der den Garten rund um das Haus seines Besitzers von der Kuhweide trennt.
Dann ließ ihn ein lautes Rattern ebenso erzittern wie die Kuh. Im Nachbargarten wurde der Motormäher angeworfen. Mit lautem Dröhnen drehte er nun seine Runden durch den großen Garten nebenan.
Der Nachbar selbst saß oben auf dem Höllengefährt und grinste. „Igitt, stinkt das“, rümpfte der alte Rasenmäher pikiert seine Nase. „Das stinkt ja noch stärker als Du“, wandte er sich mit verzogenem Grinsen an die Kuh.
„Ich stinke doch nicht“, verwahrte sich die Kuh gegen seinen Vorwurf. „Was du da riechst, ist reines Methan.“
Der alte Rasenmäher schüttelte sich vor Lachen. „Methan oder Diesel ist mir doch egal“, erwiderte er. „Für das Klima ist eins wie das Andere Gift.“
Erbost hob die Kuh ihren Kopf. „Käme aus mir genauso ein Gestank wie aus diesem Motormäher, dann müsste ich ja auch genauso schnell über die Wiese rennen wie er.“
Daraufhin brach der alte Rasenmäher in schallendes Gelächter aus. „Wenn Kühe über Weiden rennen, dann erinnert mich an den Bullen, der letzten Sommer bei Dir war. Dieses Viech hat mir gar nicht gefallen.“
Die Kuh wog bedächtig ihren Kopf. Ihr Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck, als sie antwortete: „Mir schon!“
Derweil drehte der Motormäher Runde um Runde rund ums Nachbarhaus herum. Sein lautes Dröhnen war ebenso unerträglich wie sein unangenehmer Geruch.
„Der stinkt ja noch schlimmer als der Käse, den die Franzosen aus Eurer Milch machen“, sagte der betagte Motormäher zur Kuh. „Camembert oder Brie, ieh!“
Die Kuh kaute auf einem Grashalm. „Aus meiner Milch machen sie nur Yoghurt und Quark“, betonte sie. „Wir sind ja schließlich nicht in Frankreich.“
Langsam lief sie hinunter zum Bach, als sie ein leises Quaken hörte. „Quark?“, fragte der Frosch. „Quark?“
Die Kuh lachte laut auf: „In Frankreich essen sie Froschschenkel. Sei froh, dass Du nicht in Frankreich bist!“
Aus großen Glupschaugen gaffte der Frosch die Kuh mit ihren noch größeren Kuhaugen an. „Quark“, wiederholte er, bevor er schnell wieder im Wasser abtauchte.
Die Kuh drehte ihren Blick zur Seite, wohin der Frosch zuletzt mit weit aufgerissenen Augen gestarrt hatte. „Da brat mir doch einer ´nen Storch“, sagte sie und schaute dem Storch direkt in die Augen.
„Braten?“ Entsetzt flatterte der Storch hoch. Doch dann beruhigte er sich wieder und linste vorsichtig zum Bachlauf hin.
„Sei kein Frosch“, rief der Storch den untergetauchten Frosch. „Frische Frösche sind etwas Wunderbares.“
Doch der Frosch rührte sich nicht. Offenbar wollte er weder riskieren, dass ein Franzose oder ein Storch ihn verspeiste, noch, dass eine verwunschene Prinzessin ihn gegen die Wand warf.
Allerdings war da sowieso keine Wand weit und breit. Vielmehr waren da nur ein Bach, ein paar Bäume, eine Weide und Wiesen sowie einige Häuser mit Gärten. Auf der Weide stand eine Kuh und in zwei Gärten zwei Rasenmäher.
„Sie heißen Rasenmäher, weil sie immer über´n Rasen hin und her rasen“, erklärte der Storch der Kuh. „Woher weißt Du das?“, wollte sie wissen.
„Ich bringe doch allen ihre Kinder“, erklärte der Storch stolz. „Den Rasenmähern bringe ich kleine Geräte zum Zerhacken von Zwiebeln. Diese Zwiebelschneider nutzen die Hausfrauen in der Küche, solange sie noch klein sind.“
Ungläubig öffnete die Kuh ihr großes Maul. „Und später werden diese Zwiebelschneider dann Rasenmäher?“ Sie konnte es kaum glauben.
Während Kuh und Storch sich noch miteinander am Bachlauf unterhielten, schob der Besitzer des ersten Hauses seinen alten mechanischen Gartenmäher in den Schuppen. Dann ging er ins Haus hinein. Dort griff er nach dem Staubsauger.
„Immer soll ich Dreck fressen“, beklagte sich der Staubsauger. „All der Staub drückt mir dann mächtig im Magen.“
Der Besen besah sich den Staubsauger kritisch. „Du hast doch einen Rüssel wie ein Elefant“, stellte er fest. „Warum bläst Du damit den Staub nicht einfach raus und auf alle, die Dich so quälen?“
Der Staubsauger stöhnte laut auf. „Ich kann durch meinen Rüssel nur Luft kriegen, wenn ich sauge“, erklärte er traurig. „Wasser spritzen wie ein Elefant kann ich aber nicht, weil ich niemals Wasser trinke.“
Der Besen besah sich den Staubsauger noch länger. „Und warum trinkst Du kein Wasser?“, wollte er wissen. „Gleich hinter dem Gartenzaun verläuft doch ein Bach.“
Laut heulte der Staubsauger auf. Dann zog der Besitzer das lange Kabel aus der Steckdose, mit dem er den Staubsauger zuvor angeleint hatte wie einen Hund.
Draußen trat endlich auch Ruhe ein. Der Nachbar hatte seinen Motormäher ausgeschaltet. Die beiden benachbarten Gärten waren gemäht.
„Gras“, raunte der Hausbesitzer seiner Lebensgefährtin zu und reichte ihr einen Joint. „Den haben wir uns jetzt wirklich verdient.“
Sie stellte den Besen ab und setzte sich zu ihm auf´s Sofa. Ein sonderbarer süßlicher Geruch stieg dem Staubsauger nun in die Nase. Dann hörte er das Geräusch flatternder Flügel. „Hallo“, begrüßte der Klapperstorch den Staubsauger. „Ich bringe Dir ein Kind.“
Der Staubsauger sah den Storch müde an, der durch das offene Fenster direkt in die Wohnung geflogen war. Der Storch legte einen Karton auf das Fensterbrett.
„Das ist Dein Baby“, erklärte er dem Staubsauger. „Freust Du Dich über Deinen wunderbaren kleinen Föhn? Ist er nicht schön?“

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